Hm, was ließe sich hierzu wohl schreiben?
fangen wir mal mit den Basis-Dingen an, das Wetter. Im Moment sind es in Tokio immer noch milde 10 Grad wenn man Glück hat und der Himmel ist in letzter Zeit wunderschön klar.

Abends stürmt es dafür häufiger mal, so wie in diesem Moment.
Glücklicherweise ist Weihnachten hier erfrischend unaufdringlich, sodass man nicht von komischen Männern in roten Anzügen genervt wird (außer im IC, wo Bryce der Ami letztens mit so einem Teil aufkreuzte…) und wenn man von den ständigen Weihnachtsjingles in den Supermärkten absieht, bleibt man hier vom ganzen Brimborium weitestgehend verschont.
Heiligabend
Aus diesem Grunde hatte ich gestern auch noch Unterricht, was mich garnicht so sehr störte, da es sich um den Kurs von Takao-sensei handelt, den ich trotz einiger gewöhnungsbedürftiger Umstände gerne besuche.
Ich verließ den Kurs allerdings schon vorzeitig, da ich ab halb sechs Nô-Training bei Kobayakawa-Sensei zu Hause hatte und da dieser relativ weit draußen wohnt, mussten wir schon recht früh aufbrechen.
Das Training selbst war eine Tortur, weil nach zwei Stunden im Seiza (Kniesitz) meine Füße ohne Gefühl waren und meine Knie weh taten, dass ich mir gewünscht habe, dass auch diese taub werden mögen.
Da das Weihnachtspaket von Ronja noch nicht da war und sie selbst leider auch nicht, war ich an dem Tag ein wenig geknickt, doch sollte ich unerwarteter Weise ein Geschenk von meinem älteren Mitschüler Tsuruyama erhalten.
Kurz vor Trainingsbeginn kam dieser auf mich zu und meinte „Ich habe ein Weihnachtsgeschenk für Dich“, wobei er etwas nicht identifizierbares aus seiner Tasche holte. Er überreichte es mir und ich sah, dass es ein Brokat-Beutel war. Ich öffnete ihn und zum Vorschein kam dieses:

Ich präsentiere hiermit nun meine mittlerweile zweite Nô-Maske. Ich war natürlich erstmal sprachlos, bedankte mich dann aber ausgiebig. Tsuruyama-san sagte lediglich, dass er diese Maske selbst einmal von jemandem geschenkt bekam und er gerne wollte, dass ich sie als Erinnerung an meine Zeit im Zirkel mit nach Deutschland nehmen solle. Ein wirklich schönes Geschenk.
Nach dem Training lud Sensei uns zum Essen in ein kleines Restaurant ein, welches wir für uns und seine Familie alleine hatten. Diese ist mit stolzen 6 Kindern erstaunlich groß. Ich lernte auch das erste Mal seine Frau kennen, die überaus nett ist und mit der ich mich gut unterhalten habe.
Nachdem ich wieder im Wohnheim war tätigte ich ein paar Weihnachtsanrufe bei Ronja und meiner Familie und ging dann spät aber doch zufrieden ins Bett.
25. Dezember
Ich musste morgens leider feststellen, dass mein Weihnachtsgeschenk von Ronja immer noch nicht da war, was mich ziemlich aufregte, sodass ich erstmal ins Bett ging und noch zwei Stunden weiter schlief. Nach dem Aufstehen ließ ich mir viel Zeit beim Duschen und Anziehen und machte mich dann, anfangs etwas unmotiviert, auf nach Jinbôchô/Kanda, dem Buch-Antiquariats-Viertel hier in Tokio. Meine Laune besserte sich von Geschäft zu Geschäft und ich fand ein Schnäppchen nach dem anderen. Es soll jetzt keiner denken ich hätte sone Art Buch-Fetisch oder so, aber ja… es stimmt.
Nach einigen wirklich genialen Fängen, wie zum Beispiel einem niegelnagelneuen Buch über Geschlechtskrankheiten in Edo (dem alten Tokio) für umgerechnet 4 Euro, oder einem etwas angestaubten Buch über die Beziehung zwischen Zen und Nô, wurde es recht schnell dunkel und einige Läden schlossen bereits ihre Pforte. Ich machte mich auf den Rückweg zum Bahnhof, als ich genau um die Ecke von selbigem einen Laden fand, den ich wohl zurecht als den besten Laden auf der ganzen Welt bezeichnen darf.
Ein Buchladen der sich auf genau zwei Fachbereiche spezialisiert hat:
Nô und Kampfkunst
Ich war im Paradies, denn dieser Laden, gepaart mit meinem Buch-Fimmel ergäbe Stunden des Bummelns und Suchens, was lediglich dadurch getrübt wurde, dass der Laden recht schnell nach meinem Eintreffen Feierabend machte. Doch nicht, bevor ich zwei Ausgaben eines sehr begehrten Buches erhaschte, dem Bugei Ryûha Daijiten, dem großen Lexikon der (japanischen) Kampfkunst-Schulen. In diesem Nachschlagewerk finden sich namentlich tausende von Schulen erwähnt und so bekannt auch deren Gründer, die Gründungszeit, das Curriculum, die Beziehungen untereinander usw. usf.
Das Buch ist so begehrt, dass man bei Ebay öfters mal Ausgaben um die 200-300 Dollar findet und ich habe zwei Ausgaben für weniger bekommen.
Ich habe bereits mehrere Kandidaten für das Buch, doch da bei mir das Prinzip herrscht „wer zuerst fragt bekommt zuerst, vorausgesetzt, ich finde eine Ausgabe für mich selbst“, weiß ich schon, an wen die zweite gehen wird.
Dazu habe ich dann auch noch eine Ausgabe der „Einführung in die Tänze der Kanze-Schule“ gefunden, welche mich gebraucht recht günstig kam, wobei lediglich der Bindfaden der japanischen Bindung gerissen ist, das Buch also sonst eine Top Qualität hat.

Nachdem ich mich also dermaßen großzügig selbst beschenkt hatte, machte ich mich auf den Weg zurück ins Heim um nochmals mit meiner geliebten Freundin zu telefonieren und endlich etwas zu essen.
Dort angekommen sah ich dann, dass mein Weihnachtspaket endlich gekommen war mit vielen schönen Sachen, wie massig Süßigkeiten und zwei künstlerischen Meisterwerken meines Neffen, passend zur Jahreszeit.

Unabhängig davon was der morgige Tag noch bringt kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass dieses Jahr trotz meiner Trennung von Geliebter und Familie, doch nicht so trostlos war, wie ich befürchtet hatte.
In diesem Sinne wünsche ich all meinen Lesern ein fröhliches Weihnachtsfest und verspreche, dass ich demnächst wieder etwas fleißiger sein werde.
2 Kommentare
Januar 1, 2009 um 4:56
So reich beschenkt lässt sich Weihnachten fern der Freundin und Familie gut ertragen. Das Nächste wirst Du wieder in vertrauter Umgebung verbringen.
Wie wirst Du all Deine Bücher und andere Kleinigkeiten in Deinen Koffer bekommen? Dafür verzichtest Du auf die Mitnahme von unwichtigen Dingen wie Kleidung?
Januar 2, 2009 um 11:32
Muahaha! Natürlich habe ich dir die kleine Wanze verschwiegen, die an der Innenseite des Pakets haftete, herausflog und sich nun unter deinem Schreibtisch befindet! Ich höre jedes Wort Schatz! ^^