Dezember 2, 2008...1:58

Diskriminierung führt zur Völkerverständigung

Zu den Kommentaren

So, erstmal an alle die es interessiert:
Der Moustache ist wieder ab, schließlich heißt es ja „Movember“ und nicht „Mozember“.

Nun zum Thema…

heute hatte ich meine zweite Präsentation innerhalb von zwei Wochen. Die letzte war letzten Montag und endete aus meiner Sicht in einer Katastrophe, weil ich die Nacht davor nicht geschlafen hatte und mir irgendwie der Elan fehlte. Dennoch war die Bewertung meiner Dozentin durchaus positiv… was aber kein gutes Zeichen ist, denn wenn es soo viel schlechtes zu sagen gibt, dann hält man sich hier gerne zurück und sagt stattdessen was nettes. Wenigstens wurde mir (und ich glaube in diesem Falle ehrlich) angerechnet, dass ich mir die Mühe gemacht habe der Grimms „Hase und Igel“ selbst ins Japanische zu übersetzen und ich muss sagen, dass ich selbst erstaunt war, fiel doch die Korrektur meines lieben Freundes Imasaki weniger umfangreich aus, als ich eigentlich dachte… die zweite Geschichte „Warum beschnuppern sich die Hunde“, welche ich noch um 4 Uhr Nachts vor der Präsentation anfertigte, enthielt aber scheinbar einige merkbare Fehler, ich werde diese also nochmal korrigieren und meiner Dozentin überreichen.

Die Präsentation heute verlief ähnlich holperig. Ich wurde nur knapp fertig mit der Vorbereitung und hatte daher kaum eine Möglichkeit meine Präsentation vernünftig vorzubereiten (Schuld eigene, geb ich ja zu), was in Kombination mit meinen eingeschränkten Fähigkeiten halbwegs wissenschaftliche Vorträge auf Japanisch zu halten und (mal wieder) meiner Müdigkeit dazu führte, dass ich etwas tat, was ich eigentlich sonst bei allen bemängelte: Ich laß ab.
Mich also quasi an jedem Wort entlang hangelnd brachte ich so ein Thema zu Tisch, welches hier in der Öffentlichkeit gerne mit einem Tabu belegt wird, nämlich der Diskriminierung von allem Möglichen, was nicht zu 100% japanisch ist, oder der gesellschaftlichen Vorstellung gegenüber opportun.

LEIDER BUDDHAS war das einzige Feedback auf meine Frage „Wer von Euch hat denn schon mal Diskriminierung hier erfahren?“ jenes, welches Arthur der Amerikaner mir gab. Nämlich „Ich wollte neulich in einem Computer-Shop einkaufen gehen, aber draußen stand ein Schild, das besagte, dass Ausländer hier leider nicht rein dürfen.“ DANKE ARTHUR! DAVON HABE ICH JA GEREDET!!! Die Koreaner und Chinesen im Kurs hielten sich (bis auf die gute Nahyong) leider mit Kritik zurück… nein, von EUCH wurde hier NOCH NIE einer diskriminiert… wie komme ich auf den Gedanken?

Fakt ist aber, dass es in Japan eine unterschwellige Xenophobie und Abneigung gegenüber alles mögliche gibt, die so sicherlich kein zweites Mal auf der Welt existiert. Ich sage nicht, dass es die Regel darstellt… aber es ist mit Sicherheit keine Ausnahme. Die Verblendeten alten Säcke am Yasukuni-Schrein sind da sicherlich noch die kleinere Spitze des Eisberges.

Der Kommentar den meine Lehrerin zu dem Thema hervorbrachte machte mich dahingegen äußerst wütend und zeigt eine Borniertheit, welche ich ums Verrecken nicht als den Standard in diesem Land deklarieren möchte… aber könnte. Zitat:
„Naja… aber was ist denn mit dem IC (gemeint ist das International-Center der Hôsei, welches ein Sammelpunkt der Austauschstudenten ist und wo täglich viele japanische Studenten hinkommen um Englisch oder andere Sprachen von Muttersprachlern zu lernen und Freundschaften zu knüpfen) zum Beispiel. Das ist doch auch Diskriminierung gegen Japaner… also ich bekomme keinen kostenlosen Kaffee und ihr habt da Computer mit denen ihr einfach so ins Internet könnt, die japanischen Studenten können das nicht so einfach.“

Okay, ich will ja versuchen nicht mehr so viel zu fluchen, aber WHAT THE FUCK?

Erstens ist im IC jeder willkommen und jeder bekommt dort gratis Kaffee, wenn er denn in der Lage ist einen Plastikbecher unter den Warmhalteautomat zu stellen und einen komplizierten Hebelmechanismus zwecks der rechten oder linken Hand durch nach unten drücken in Gang zu setzen, sodass sich die warme Brühe ins Gefäß ergießt. Es steht sogar eine nette Einladung daneben: „Relaxe kurz und nimm Dir eine Tasse Kaffee… lass Dich gehen“.
Man muss halt nur das Interesse aufbringen und dort hinkommen und sich unter die Ausländer begeben. Nicht dass das gefährlich wäre und zur Not ist im „Vorzimmer“ ja immer noch die 5 mal größere Stube des Ausländerbüros der Hôsei, in der immer Betrieb herrscht, ausschließlich besetzt mit Japanern… und unsere (Glas)Tür steht offen, sodass Schreie sofort gehört werden.
Die Computer stehen ebenso zur freien Verfügung, sofern man es schafft, sich mit seinem Studentenaccount dort einzuwählen… im übrigen überhaupt nicht verschieden von den beiden großen Computer-Pools drei Stockwerke unter dem IC, welche für jeden Studenten zugänglich sind und wo man auch Drucker und Scanner benutzen kann… ein Luxus, der uns vergönnt ist. Es sei denn natürlich, wir machen uns den Weg nach unten.

In diesem Auswuchs von Borniertheit (die nicht nur nicht mehr so schlecht ist, dass man drüber lachen könnte, sondern so schlecht, dass man schon wieder lachen könnte weil man sonst weinen müsste) endete dann auch meine Präsentation und ich bekam ein paar Minuten später meine „Bewertungszettelchen“ von meinen KommilitonInnen wieder.

Zu meiner Überraschung fast alle mit einer sehr hohen Punktzahl (welche aber leider keine Auswirkungen auf meine Note haben werden). Dies zeigt mir aber vor allem zweierlei:
Asiaten sind im Allgemeinen zu höflich um direkt auf die Fehler einer Person hinzuweisen (bis auf einen einzigen und dafür danke ich ihm!) und ich habe scheinbar mit der Präsentation einen Nerv getroffen, der sonst womöglich von einem Berg an Geduld und stiller Hinnahme gegenüber der täglichen Diskriminierungen bedeckt ist. Oder sie waren wirklich einfach nur höflich.

Auf jeden Fall gefiel mir ein Kommentar ganz gut und deshalb möchte ich ihn hier posten, in der Hoffnung, dass Menschen ihn lesen und sich zu Herzen nehmen.
Er stammt von 魏蘭san, wobei ich nicht weiß, ob es sich hierbei um eine Frau oder einen Mann handelt, weil ich das Kanji für den Vornamen nicht entziffern kann. So oder so:

„Danke für die tolle Präsentation!!! Beim Thema Diskriminierung gilt es immer noch einen großen Berg an Punkten zu lösen, aber da niemand gerne diskriminiert wird, sollten wir als erstes damit anfangen selbst nicht mehr zu diskriminieren.“

Hierin steckt viel Wahrheit… es möge sich jeder zu Herzen nehmen!

Namu amida bu!

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