Ich weiß es ist schon spät und ich sollte es vielleicht lieber morgen machen, da morgen früh noch ein Test ansteht, aber als ich so über meinen Materialien für das Take-home-exam für “Families and Sexualities in Japan” saß, kam mir wieder etwas in den Sinn, über das ich schon eine ganze Weile sinniere und was auch neulich durch mein Gespräch mit Udaka-Sensei (Bericht über mein Treffen folgt noch) wieder neuen Treibstoff bekommen hat.
Sofern man sich in Japan nicht mit vollkommen verschlossenen Augen bewegt, müssen einem früher oder später unvermeidlich diverse Steinstatuen auffallen, welche zumeist mit einem roten Lätzchen oder einem Mützchen bewehrt sind und vor denen häufig ein paar 100 Yen-Stücke liegen.
Die Figuren müssen nicht mal komplett ausgestaltet sein, oder können gar nur bloße Steinklötze sein, so oder so handelt es sich dabei jedoch um Jizô-Bôsatsu, den Ksitigarbha Bodhisattva (sanskrit).
Dieser existiert im buddhistischen Glauben in 6 Formen, eine für jede Welt im buddhistischen Universum (Hölle, hungrige Geister, Bestien, wütende Geister, Menschen und himmlische Geschöpfe), in denen er versucht die dort lebenden Geschöpfe vor Unheil und Katastrophe zu bewahren, ihnen bei der Erleuchtung zu helfen und sie so zu erlösen.
Eine seiner wichtigsten Aufgaben (was den Volksglauben angeht) ist die Mithilfe beim Bau von Stein-Stupas (= kleine Pagoden), welche die Geister toter Kinder in einem trockenen Flussbett in der Hölle jeden Tag errichten müssen und welche jede Nacht aufs neue wieder zerstört werden.
Man opfert dem Jizô Kinderkleidung (daher Lätzchen und Mützchen), aber auch Spielsachen oder eben Geld, wenn man ihn darum bitten möchte, Obacht über ein totes Kind zu haben. So findet man häufig an Straßenkreuzungen an denen schon Unfälle passiert sind Jizô-Statuen, unter anderem auch, um diese liminalen Stellen zukünftig vor Unheil zu bewahren.
In den letzten 3 Jahrzehnten hat sich hierzu noch die Praxis des mizuko kuyô 水子供養 “Wasserkinder-Andacht” entwickelt, womit die Tempel (allen voran jene der Jôdo Shin-shû) den steigenden Abtreibungsraten begegnen wollten. Hierbei bezahlt man in einem Tempel für eine Andacht des Kindes, oder kauft kleine Jizô-Statuen, welche man zur Erlösung des Kindes aufstellt (was erreicht sein soll, wenn das rote Lätzchen verblasst ist).
Man mag dies modernen “Ablasshandel” nennen, allerdings empfinde ich das nicht so. Udaka-Sensei sprach mit mir über all die Seelen, welche in den vielen Kriegen der Menschheitsgeschichte (vergangen wie aktuell) keine Erlösung finden, weil sie unter den allerschlimmsten Umständen aus der Welt gerissen wurden.
Wenn nun also die Andacht an das Ungeborene Kind helfen kann, wenigstens eine Seele aus diesem riesigen Pool zu retten, wieso nicht? Sofern die richtige Einstellung vorhanden ist und dies nicht wirklich wie eine Art Ablass missbraucht wird, finde ich diesen Brauch sehr rührend.
Unsere katholische Kirche hat sich das etwas einfacher gemacht und den Ort an dem die armen Seelen ungetaufter Kinder Jahrhunderte lang verweilen mussten einfach als nichtig erklärt und somit allen ungetauften Kindern ihren Segen ausgesprochen.
Ich hoffe, niemals in eine Situation zu kommen, in der ich selbst einen Jizô aufstellen muss, doch sollte dies doch eintreffen, werd ich mein Vertrauen in ihn setzen!
おん かかか びさんまえい そわか!
Oh, wandernder Einer, Svâhâ!
Die folgenden Jizô habe ich alle im 浅草寺 sensôji, dem Kannon geweihten Tempel in Asakusa (ebenfalls 浅草, allerdings rein japanische Lesung) aufgenommen.



