Juli 17, 2008...4:57

Gedanken über Jizô

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Ich weiß es ist schon spät und ich sollte es vielleicht lieber morgen machen, da morgen früh noch ein Test ansteht, aber als ich so über meinen Materialien für das Take-home-exam für „Families and Sexualities in Japan“ saß, kam mir wieder etwas in den Sinn, über das ich schon eine ganze Weile sinniere und was auch neulich durch mein Gespräch mit Udaka-Sensei (Bericht über mein Treffen folgt noch) wieder neuen Treibstoff bekommen hat.

Sofern man sich in Japan nicht mit vollkommen verschlossenen Augen bewegt, müssen einem früher oder später unvermeidlich diverse Steinstatuen auffallen, welche zumeist mit einem roten Lätzchen oder einem Mützchen bewehrt sind und vor denen häufig ein paar 100 Yen-Stücke liegen.
Die Figuren müssen nicht mal komplett ausgestaltet sein, oder können gar nur bloße Steinklötze sein, so oder so handelt es sich dabei jedoch um Jizô-Bôsatsu, den Ksitigarbha Bodhisattva (sanskrit).
Dieser existiert im buddhistischen Glauben in 6 Formen, eine für jede Welt im buddhistischen Universum (Hölle, hungrige Geister, Bestien, wütende Geister, Menschen und himmlische Geschöpfe), in denen er versucht die dort lebenden Geschöpfe vor Unheil und Katastrophe zu bewahren, ihnen bei der Erleuchtung zu helfen und sie so zu erlösen.

Eine seiner wichtigsten Aufgaben (was den Volksglauben angeht) ist die Mithilfe beim Bau von Stein-Stupas (= kleine Pagoden), welche die Geister toter Kinder in einem trockenen Flussbett in der Hölle jeden Tag errichten müssen und welche jede Nacht aufs neue wieder zerstört werden.

Man opfert dem Jizô Kinderkleidung (daher Lätzchen und Mützchen), aber auch Spielsachen oder eben Geld, wenn man ihn darum bitten möchte, Obacht über ein totes Kind zu haben. So findet man häufig an Straßenkreuzungen an denen schon Unfälle passiert sind Jizô-Statuen, unter anderem auch, um diese liminalen Stellen zukünftig vor Unheil zu bewahren.

In den letzten 3 Jahrzehnten hat sich hierzu noch die Praxis des mizuko kuyô 水子供養 „Wasserkinder-Andacht“ entwickelt, womit die Tempel (allen voran jene der Jôdo Shin-shû) den steigenden Abtreibungsraten begegnen wollten. Hierbei bezahlt man in einem Tempel für eine Andacht des Kindes, oder kauft kleine Jizô-Statuen, welche man zur Erlösung des Kindes aufstellt (was erreicht sein soll, wenn das rote Lätzchen verblasst ist).

Man mag dies modernen „Ablasshandel“ nennen, allerdings empfinde ich das nicht so. Udaka-Sensei sprach mit mir über all die Seelen, welche in den vielen Kriegen der Menschheitsgeschichte (vergangen wie aktuell) keine Erlösung finden, weil sie unter den allerschlimmsten Umständen aus der Welt gerissen wurden.
Wenn nun also die Andacht an das Ungeborene Kind helfen kann, wenigstens eine Seele aus diesem riesigen Pool zu retten, wieso nicht? Sofern die richtige Einstellung vorhanden ist und dies nicht wirklich wie eine Art Ablass missbraucht wird, finde ich diesen Brauch sehr rührend.
Unsere katholische Kirche hat sich das etwas einfacher gemacht und den Ort an dem die armen Seelen ungetaufter Kinder Jahrhunderte lang verweilen mussten einfach als nichtig erklärt und somit allen ungetauften Kindern ihren Segen ausgesprochen.

Ich hoffe, niemals in eine Situation zu kommen, in der ich selbst einen Jizô aufstellen muss, doch sollte dies doch eintreffen, werd ich mein Vertrauen in ihn setzen!

おん かかか びさんまえい そわか!
Oh, wandernder Einer, Svâhâ!

Die folgenden Jizô habe ich alle im 浅草寺 sensôji, dem Kannon geweihten Tempel in Asakusa (ebenfalls 浅草, allerdings rein japanische Lesung) aufgenommen.


9 Kommentare

  • [...] über Jizô… Bastian hat in seinem Blog einen schönen Artikel über die Jizô-Statuen in Japan geschrieben. Mir ist dieser Blog richtig lieb geworden und häufig erinnern mich seine [...]

  • Ich schreib die Frage mal hierher, da sie bei mir vielleicht untergeht :) !

    Sag mir doch mal, warum du so sicher bist, dass mein Foto “mizuko kuyô” zeigt. Da es so viele Statuen sind?

    Eine Pilgerreise durch Kioto und Nara… ich muss dir jetzt nicht sagen, was mir dabei durch den Kopf geht. Wie lange soll sie denn dauern? Erzähl doch mal ein bisschen von der Planung :D ! Hast du schon Tempel im Auge, in denen du übernachten könntest? Man ist das spannend!

    Ähm, da fällt mir ein…wolltest du im August nicht kurz nach Deutschland fliegen?

    Liebe Grüße :) !

  • Hallo Bastian,

    die Jizôs erinnern mich sehr stark an einen Brauch am Jakobsweg (christlicher Pilgerpfad nach Santiago de Compostela – da wo Hape Kerkeling war und seinen Bestseller geschrieben hat…)

    Jedenfalls gibts am Jakobsweg auch sehr viele Orte, an denen die Pilger Steinhaufen (pyramidenartig) errichten, und jeder Pilger der dort vorbei kommt, legt (s)einen Stein dazu.

    Manche Pilger nehmen sich sogar extra einen Stein von zu Hause mit, und schleppen den den ganzen Weg mit, und legen diesen Stein von der Heimat dann am Jakobsweg auf den berühmtesten Ort dazu. Ich weiß jetzt gerade nicht mehr genau, wo dieser Ort genau war, aber wenn man dort am Jakobsweg vorbei kommt, sind hunderte oder tausende von kleinen Steinhaufen dort, die man nicht übersehen kann.

    Vielleicht täusche ich mich, aber diese Bräuche kommen mir sehr ähnlich vor, Jizôs und Steine am Jakobsweg.

    lg cu30000

  • Hm, ich weiß nicht ob das so ganz dasselbe ist, das kommt auf die Intention der Leute auf dem Jakobsweg an.

    Immerhin geht es hierbei nicht darum etwas „zu hinterlassen“, sondern etwas, das hinterlassen wurde aus dieser Welt zu befreien.

    Vielleicht kannst Du noch was dazu schreiben, vielen Dank für Deinen Kommentar.

  • Hallo,

    ich habe das noch gar nicht so auf dieser Ebene des „Hinterlassens“ gedacht. Ist interessant, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob mir ganz klar ist, wie Du das in diesem Zusammenhang mit den Jizôs und dem „etwas, das hinterlassen wurde“ meinst.

    Vielleicht kannst Du mir das noch genauer erklären? Würde mich interessieren.

    Nochmal meine Erklärung:

    Als Pilger, der ein paar hundert Kilometer zu Fuß am Jakobsweg zurücklegen muss, ist jedes Gewicht, das man zusätzlich in seinem Rucksack mit sich herumschleppen muss, nicht gerade angenehm. Wenn man dann einen Stein von zu Hause im Rucksack mitnimmt, über eine große Strecke, dann ist das schon ein Zeichen, das man damit setzt. Ich will es jetzt nicht eingrenzen, welches Zeichen, ist finde ich gar nicht so wichtig, aber es hat schon Bedeutung.

    Wie dieses „Steine anhäufen“ oder „Steine dazulegen“ oder „Steine hinterlassen“ genau religiös/mystisch einzuordnen ist, weiß ich nicht, vielleicht aber auch in dem Sinn, dass es den nachkommenden Pilgern Kraft gibt. Kraft in dem Sinne, dass sie sehen können, dass da schon jemand war, und vielleicht auch dass man da nun an einen Ort angelangt ist, der religiös/mystisch aufgeladen ist (mit Energie, oder was auch immer).

    Ich hoffe, ich konnte es ansatzweise ein bisschen besser beschreiben.

    lg cu30000

  • Hey cu30000 :) !

    Der große Unterschied, den ich sehe ist, dass die Jizô für jemanden anderen aufgestellt werden, während man die Steine, von denen du erzählst, so wie ich es verstanden habe, für einen selber hinterlegt.

    Liebe Grüße
    suifeng

  • Hey Bastian :)

    Onegai Jizô? Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich auch einen dort aufgestellt :P . Hmm… ich werde mal meinen Freund anmailen. Schließlich ist er mit mir dort gewesen und kann mir vielleicht sagen, als was für Jizô er sie ansieht.

    Ich halte dich auf dem Laufenden.

    Liebe Grüße
    suifeng

  • Mensch, ganz vergessen. Mein Freund hatte natürlich keine Ahnung… Und sowas nennt sich Buddhist :cool: :D ! Er tippt auf mizuko kuyô. Belegen kann er es aber nicht!

  • Ok, ok :D !

    Vielen, vielen Dank Bastian für den wirklich interessanten Link! Ich glaube, die Lage ist nun mehr als eindeutig, oder? Da muss ich wohl mal jemanden aufklären gehen :) !


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